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Hinweise für die sonderpädagogische Diagnostik

Die Diagnose von Traumafolgestörungen erfolgt nach den medizinischen Klassifikationssystemen DSM V (APA, gültig seit 2015) und der International Statistical Classification of Diseases and Related Health Problems (ICD-10 sowie ICD-11, Inkrafttreten ab 01. 01.2022) und wird durch ärztliche oder psychotherapeutische Fachleute gestellt.

Die sonderpädagogische Diagnostik von Kindern und Jugendlichen in einem Förderschwerpunkt in Verbindung mit traumatischen Grunderfahrungen stellt bisher ein fragmentiertes Bild dar (vgl. Hehmsoth 2021, S. 182 ff.). Grundsätzlich kann jedes Gespräch, welches Diagnostiklehrkräfte oder weitere pädagogische Fachkräfte mit einer Schülerin oder einem Schüler führen, Informationen erfassen, die eine Erklärung des Verhaltens und der individuellen Sinnhaftigkeit der gezeigten Verhaltensweisen ermöglichen. Dadurch können Gründe für traumabedingte Verhaltensweisen offengelegt und mögliche dissoziationsauslösende Trigger identifiziert werden (vgl. Weiß 2014, S. 101 ff.). Dabei gilt die Annahme, dass traumatisierte Schülerinnen und Schüler Expertinnen und Experten in eigener Sache sind. Dieser verstehende Interpretationsansatz (diagnostisches Fallverstehen) ist bei der Diagnostik von Schülerinnen und Schülern mit traumatischen Grunderfahrungen unabdingbar (vgl. Zimmermann, Rosenbrock & Dabbert 2017, S. 101 ff.).

Darüber hinaus können folgende diagnostische Methoden unter Beachtung einer traumapädagogischen Haltung Anwendung finden:

  • anamnestische oder diagnostische Gespräche 
    • ggf. Erstellung eines Zeitstrahls, um bedeutsame Ereignisse zu analysieren
    • Erfragung familiärer, schulischer und sozialer Bedingungen
    • Erfassung von Ressourcen, Stärken und Interessen
  • Verhaltensbeobachtungen
    • Beobachtungen im Unterricht, in Pausensituationen, Einzelsituationen sowie zu konkreten Fragestellungen
    • Analyse der Art und Schwere der auftretenden Symptome in bestimmten Situationen (Triggeranalyse)
  • gezielte Fallbesprechungen im Team/traumapädagogisches Fallverstehen zur Erfassung von Verhaltensvarianten und Reaktionsmustern
    • Welche Übertragungsphänomene kann ich erkennen?
    • Welche Bewältigungsmechanismen hat die Schülerin/der Schüler entwickelt?
    • Wie reagiert die Schülerin bzw. der Schüler auf emotionale Stimulation?
    • Wie gestalten sich Beziehungen?
    • Welche Stärken hat die Schülerin bzw. der Schüler entwickelt?

Zur Überprüfung der Ausprägung dissoziativer Symptome bei Schülerinnen und Schülern in der Schule liegen bisher keine Instrumente schulischer Förderdiagnostik vor (vgl. Ding 2014, S. 180). Aktuell befindet sich ein mehrstufiges Diagnose- und Förderkonzept innerhalb der Konzeption einer traumasensiblen Schule in Entwicklung (Casale & Linderkamp 2023, S. 104 ff.).

Ergeben sich Fragen bezüglich der Förder- und Unterstützungsmöglichkeiten für Schülerinnen und Schüler mit Dissoziationsneigungen, die ggf. in Verbindung mit schulischen Leistungsschwankungen stehen, kann die Schulpsychologie beratend hinzugezogen werden.

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